Heike Huslage-Koch / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Kommentar von Dr. Volker Weiß zur Wahl Jörg Bernigs in Radebeul

Die Wahl Jörg Bernigs zum Leiter des Kulturamtes Radebeul hat begründete Kritik hervorgerufen. Die gesellschaftspolitischen Einlassungen des Schriftstellers lassen in ihrer Stoßrichtung wenig Interpretationsspielraum. Die darin formulierten Positionen zeugen von einer neurechten Weltanschauung, seine Verbindungen in dieses Milieu sind nachgewiesen. Bernigs Wahl sollte daher im Kontext jener neurechten „Metapolitik“ gesehen werden, die als unabdingbarer Schritt zum politischen Erfolg gilt. 1 

Vom „Amt des Dichters“, das Bernig 2016 in der „Kamenzer Rede“ mit Bezug auf Hölderlin als „Sprechen zwischen Schwarz und Weiß“ beschrieb, hat er sich in seinen Wortmeldungen zur Flüchtlingspolitik weit entfernt. Bernig kennt in der Erregung selbst keine Zwischentöne mehr. Bereits in dem Essay „Zorn“ hat er seinen Kulturbegriff in einem explizit politischen Zusammenhang entfaltet („Sächsische Zeitung“ vom 21. Dezember 2015). Es zeigt sich vor allem eine Fokussierung auf die Flüchtlings- und Migrationspolitik, die er als apokalyptisches Bedrohungsszenario darstellt. Er bedient das Klischee von der angeblichen „Einladung“ bzw. dem „Aufruf“ an die Fremden „zum massenhaften un- oder kaum kontrollierten Grenzübertritt“ durch die Bundesregierung und wirbt um Verständnis für die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung. In der „Kamenzer Rede“ ruft er durch die These eines angeblich zentralistisch-autoritär herbeigeführten Zustroms arabisch-muslimischer Massen ein ähnliches Motiv auf. In einem Beitrag für den „Cicero“ 2019 schreibt er mit Hinblick auf einen angeblichen „Migrationstraum“ der bundesrepublikanischen Politik von der „ethnischen Manipulation von Gesellschaften“, erst unter der Losung der „Reinheit“, dann der „Buntheit“ („Cicero“ 9/19). Diese Gedanken lassen sich unschwer als schöngeistige Spielart der Rede vom „Großen Austausch“ erkennen, einer der wichtigsten Parolen der Neuen Rechten. 

Er selbst duldet an seinen Positionen keine Kritik, sondern denunziert die Vertreter anderer Meinungen als diktatorisch. Seine häufige Variation eines angeblichen „Zugriffs auf das Wort“ durch die politisch Verantwortlichen zur Durchsetzung ihrer „sprachlichen Hoheit“ („Der Burschenschafter“ 2/2017) zeigt, dass es sich dabei nicht um einmalige Überpointierungen, sondern um programmatische Inhalte Bernigs handelt. Er bedient die neurechte Diskursstrategie, im Namen der Meinungsfreiheit jeder Gegenrede sofort einen repressiven Charakter zu unterstellen, wobei er wiederholt den ahistorischen Vergleich mit der DDR nicht scheut. Aus Kritik wird so politische Verfolgung, ein Vorgehen, das das von ihm mit Lessing, Heine und Kant beschworene Debatten- und Toleranzgebot konterkariert. 

Angesichts der Positionen ist es nur folgerichtig, dass sich der extrem rechte Verleger Götz Kubitschek in seiner Pegida-Rede vom 3. Oktober 2016 auf die „Kamenzer Rede“ Bernigs bezog. Ein erster Auftritt Bernigs in Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“ lässt sich bereits im Jahr 2000 nachweisen (Junge Freiheit Nr. 41 v. 06. Oktober 2000). In der dem Institut angegliederten Zeitschrift „Sezession“, dem wichtigsten Theorieorgan der Neuen Rechten, fand sich erst jüngst ein Text Bernigs. Dieser Essay mit dem Titel „Revoltierende Resteverwerter verfallner Imperien“ erschien im Heft 90 der „Sezession“ vom Juni 2019. Liest sich dieser Text anfangs noch als ein launiges Spiel mit den angeblichen Partikularidentitäten und Wesensarten der deutschen „Stämme“ (inklusive der Österreicher), steigert er sich schließlich zu einer Ansammlung neurechter Topoi. Zentral ist dabei die Gleichsetzung von Modernisierung und Liberalisierung mit „linkem bis linksextremen Gedankengut“. Diese Behauptung ignoriert milieutypisch die historische Rolle des Liberalismus und unterschlägt, dass das Ergebnis der westdeutschen „68-er Bewegung“ eine aufholende Angleichung an die westlichen Gesellschaften und keine antikapitalistische Revolution war. Eine „Verwechslung“, die im Milieu der Neuen Rechten systematisch betrieben wird. Ebenso entspricht der Gedanke einer von dieser Modernisierung angeblich unberührten und damit unverdorbenen Disposition der „mitteleuropäischen“ Länder Sachsen, Polen und Tschechien, die zu Opfern des „Westens“ wurden, den weltanschaulichen Schemata der Neuen Rechten. Diese Bestimmung von „westlich“ als wesenhaft entfremdet nahm bereits in der gefühlten politischen Geographie des deutschen Radikalnationalismus seit dem 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle ein, in dessen Tradition sich die Neue Rechte heute selbst stellt. Am Ende des Essays finden sich die szeneüblichen ahistorischen Vergleiche. Bernig schreibt, die Sachsen „scheinen zu erkennen, daß die Gebote der ‚Reinheit‘ wie die der ‚Buntheit‘ demselben Hirnareal entwachsen sind. Die Erfahrung der Sachsen, sich gegen ein oppressives System erfolgreich zur Wehr gesetzt zu haben, unterscheidet sie einerseits von Westdeutschen wie Westeuropäern und verbindet sie andererseits mit den anderen Mitteleuropäern – und versetzt sie offensichtlich wieder in die Lage, sich zu wehren.“ Mit dem bereits aus anderen Texten bekannten Hinweis auf eine angeblich gleiche Herkunft des „Reinheits“-Denkens und einem behaupteten westdeutschen Dogma der „Buntheit“ bagatellisiert er die Aggressivität des völkischen Nationalismus, der im 20. Jahrhundert so genannte Rassenreinheit zu einer der Säulen des Staates erhob. Er vermag in der multikulturellen Gesellschaft („Buntheit“) keine Differenz zum Rassendogma zu erkennen. Wenn er auf die historische Erfahrung der Wendezeit als Grundlage dafür rekurriert, sich „wieder“ zu wehren, erklärt er die Bundesrepublik zu einem mit der DDR vergleichbaren „oppressiven System“. Erneut bedient er sich derselben Argumentationsmuster wie die Parteigänger von Pegida und AfD. 

Insgesamt bietet Bernig in seinen Themen und Standpunkten, Schlüsselbegriffen und Motiven und nicht zuletzt auch den Publikationsorten das stimmige Bild eines neurechten Autors. Diese um das „Institut für Staatspolitik“ und den Kubitschek-Kreis versammelte Neue Rechte verfolgt eine Strategie der Durchdringung des kulturpolitischen Raumes, um eine weitreichende Tendenzwende im eigenen Sinn herbeizuführen. Ein Autor aus den eigenen Reihen in einer regionalen kulturpolitischen Schlüsselposition dürfte diesem Ansinnen zupasskommen. Hinsichtlich der Verantwortung eines solchen Amtes sollten zudem die vergangenheitspolitischen Positionierungen der Neuen Rechten beachtet werden. Kubitschek selbst gab 2016 zu Protokoll, seine Zeitschrift „Sezession“ und ihr politisches Umfeld bewegten sich „fraglos sofort in tabubewehrten Zonen, wenn wir über die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums, des Zionismus oder der Holocaustindustrie nachdenken und unsere Gedanken äußern.“2 Tatsächlich werden in diesem Milieu nicht nur geschichtsrevisionistische Thesen vertreten, sondern auch antisemitische Stereotype reproduziert und Holocaustleugner verteidigt. Angesichts der Rolle, die der Erinnerungskultur in der bundesdeutschen Kultur zukommt, ist die Wahl eines Autors aus Kreisen, die in dieser Aufarbeitung lediglich einen „Schuldkult“ oder eine „Schuldkolonie“ sehen können, ein fatales Signal. 

Dr. Volker Weiß Hamburg, 10. Juni 2020 

1 „Metapolitik“ ist ein strategischer Schlüsselbegriff der Neuen Rechten, der gleichermaßen der diskursiven wie der institutionellen Ebene gilt. In der neurechten Eigenliteratur wird sie beispielsweise durch den langjährigen NPD-Kader Thor von Waldstein, heute aktiv im „Institut für Staatspolitik“, definiert als „Politik hinter der Politik“, als „Lufthoheit über die Köpfe und Herzen der Menschen“, vgl. Thor von Waldstein. Metapolitik. Theorie – Lage – Aktion. Schnellroda 2015, S. 14. 

2 https://sezession.de/54541/der-fall-wolfgang-gedeon-ein-austausch-zwischen-marc-jongen- und-goetz-kubitschek