Auch die Dummheit!

Eine Radebeuler Politik-Satire

1,75 Mrd Euro Entschädigung für das Abschalten von Kraftwerken in Boxberg, Jänschwalde und Schwarze Pumpe, die der Konzern LEAG aus betriebswirtschaftlichen Gründen in den nächsten Jahren sowieso abschalten würde; Kritiker nennen diese Art Kohleausstieg „Betrug am Steuerzahler“.

Was hat der Kohleausstieg in der Lausitz mit Radebeul zu tun?

Es ist der Umgang mit Steuergeld.

26.500 Euro will die Stadt Entschädigung an ARAL zahlen, wenn sie die Tankstelle an der Meißner etwas früher dicht macht als geplant. In knapp zwei Jahren macht ARAL die sowieso dicht. Wieso warten wir diese Zeit nicht einfach ab? Nun, weil es dann vielleicht keine Fördermittel mehr gibt. Geiz ist nur für Normalverdiener geil, die ihr eigenes Geld ausgeben. Sobald wir Politiker sind und das Geld des Steuerzahlers ausgeben, berappen wir gerne das Doppelte.

Aber, mal im Ernst, was sind schon 26.500 Euro? An der Grundschule Kötzschenbroda bauen wir, weil wir zu lange mit den Neubau- und Sanierungsplänen getrödelt haben und deshalb die Zwangsschließung droht, eine Nottreppe für 100.000 Euro, die wir in einigen Jahren wieder verschrotten. Um dem Ruf Radebeuls als Millionärsstadt gerecht zu werden, müssen wir schon hin und wieder etwas Geld verbrennen. Denn Radebeul sitzt tatsächlich auf Millionen; um die 24 müssen es noch sein. Na gut, Schulden. Egal, ob ein Minus- oder ein Plus-Zeichen davorsteht, es sind MILLIONEN! Also hört auf zu meckern! Und, ja, eine Mehrheit im Stadtrat ist voraussichtlich für den Tankstellenkauf samt Entschädigung: Schließlich darf auch eine Mehrheit mehrheitlich danebenliegen. Das wird doch mal erlaubt sein! Aber die Grünen wieder, die Linken, die Sozen! Die können immer nur Eins: Meckern. Dann macht es doch einfach mal stattdessen. Es muss aber schlechter werden, sonst gilt es nicht!

Zurück zur Tankstelle. Wieso brauchen wir deren Grundstück eigentlich? Na, als Gebetsteppich für den Neubau eines Radebeuler Heiligtums. Bis es allerdings zum Gebetsteppich kommt, wird es vorübergehend ein Rasenteppich sein. Denn der Neubau des Heiligtums liegt in weiter Ferne. Schließlich werden dafür 10 bis 12 Millionen Euro aufgerufen. Der Bund, hat er bereits 2016 zugesagt, würde eine Hälfte geben. Das Land und die Stadt müssten sich die andere Hälfte teilen. Würden. Könnten. Möchten. Vielleicht. Mal sehen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Je nach Kostenteilung, die mit dem Freistaat noch auszuhandeln wäre, würde, sollte, müsste auf die Stadt irgendwas zwischen zwei und drei Millionen entfallen. Die haben wir nicht. Dieses Jahr jedenfalls nicht. Nächstes Jahr auch nicht. Übernächstes Jahr? Ach, vielleicht über-über-nächstes. So weit voraus blicken unsere Haushaltspläne nicht. Wir mögen vielleicht keine Ahnung haben, aber davon ziemlich viel. So lange der Stiftungsvorstand keinen Förderantrag beim Freistaat stellt, müssen wir von einem Luftschloss ausgehen. Aber den Gebetsteppich davor – den wollen wir sofort ausrollen. Also flugs zugegriffen. Grundkauf, Entschädigung, Abriss und Raseneinsaat: Rund 900.000 Euro. Klar doch, es gibt Fördergeld. Das fällt ja bekanntlich wie Manna vom Himmel. Für den Chefkämmerer ist es „geschenktes“ Geld. Nur der Steuerzahler wird doppelt geschröpft. Kommunales oder Fördergeld, beides stammt aus einer, aus seiner Tasche. Andererseits: Ein Bürgermeister, der auf Fördergeld verzichtet, wird üblicherweise gevierteilt. Das wollen wir tunlichst vermeiden. Deshalb müssen wir einfach dafür stimmen.

Wenn aber aus dem Heiligtum nichts wird? Nun, dann verscherbeln wir die grüne Wiese eben in ein paar Jahren wieder. Zum Verkehrswert. Dabei machen wir, je nach Rechnung, eine schlappe halbe Million. Ja, ok, Verlust zwar, aber die Aussicht, mit Millionen zu hantieren, und seien es nur halbe, ist einfach zu verlockend. Also echt, ich wiederhol mich ja ungern, aber da sind die 26.500 Euro Entschädigung für etwas, was wir mit etwas Geduld kostenlos bekommen, wirklich Peanuts! Und ARAL kann es wirklich brauchen!

Wieso ich dauernd von einem „Heiligtum“ spreche? Also, Kinder, aufgepasst! Es war einmal ein mehrfach verurteilter Dieb, Betrüger und Hochstapler, 1865 und 1870 zu Gefängnisstrafen verurteilt, die er u.a. in „Wer-nichts-wagt-kommt-auch-nicht-nach-Waldheim“ absaß. Der setzte sein Hochstapeltalent später am Schreibtisch um und wurde berühmt für ebenso phantasiereiche wie jeglicher Realität entbehrende Geschichten über ferne Länder und Menschen, die das Bild ganzer  Generationen prägen sollten. Um die Neugier seiner Fans zu befriedigen, die seine Lügengeschichten für bare Münze nahmen, bastelte der hochstapelnde Schreiberling bereits zu Lebzeiten einige Requisiten aus seinen Märchen in Holz und Pappe. Seine Witwe und andere Nachfolger im Geiste erweiterten die Sammlung um weitere Falsifikate, Halb-Echtes wie Echtes, darunter etliche Skalps, also menschliche Überreste grausamer Tötungsriten weißer Herren-Menschen gegenüber minderwertig erachteter amerikanischer Ur-Bevölkerung. Gruselig, nicht wahr? Trotzdem will das Zeug kaum noch einer sehen. Die Leute wenden sich ab von Tempeln, in denen nur verstaubte Reliquien herumliegen, auch wenn sie echt falsch sind. Da gehen wir doch lieber ins wirkliche Lügenmuseum. Dort ist alles Falsche echt.

Was also tun, wenn sich kein Schwein mehr dafür interessiert? Dem Völkerkundemuseum schenken? Auf Ebay verhökern? Was auch immer. Nein, wir machen das einzig Richtige: Wir planen eine gigantische Riesenbude dafür, millionenteuer und hoffen, dass dann die Besucherzahlen wieder steigen. Alternativ zuzugeben, dass sich mancher Krempel vielleicht einfach überlebt hat, fällt eben verdammt schwer. Ja, womit soll Radebeul denn werben, wenn nicht mit dem Siegel KM-Stadt? Oooch, wir Armen! Wir haben ja sonst nix zu bieten. Selbst unsere Baugründe müssen schon zu Preisen verscherbeln, die eine Mehrheit nicht mehr bezahlen will. Schlimm! Deshalb brauchen wir ein Heiligtum. Mit einem Gebetsteppich davor, auf dem momentan eine Tankstelle steht. Aber Tankstellen werden sowieso überbewertet.

Nun, liebe Kinder, so funktioniert die Menschheit nun mal: Die meiste Zugkraft haben immer noch Märchen und Ideen, und seien sie noch so dämlich. Mit ihnen lassen sich immer noch Köpfe einschlagen und davon die Skalpe ziehen, die wir dann hinter Glas zeigen. Um diese Glaskästen in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, brauchen wir unbedingt diese neue Wallfahrtstätte für einen zweistelligen Millionenbetrag und sparen stattdessen an, na, sagen wir mal: Schulen. Denn Schulen, genauso wie Tankstellen, werden sowieso völlig überbewertet. Die Autos tanken sowieso bald nur noch an der Steckdose, genauso wie die Smartphones, die wir jedem Kind in die Hand drücken. Damit lernt es viel schneller als bei jedem Lehrer, dass Google alles besser weiß; auch über Karl May.  

Ach Herrje, wo bleibt denn da das Positive? Deshalb sei am Ende zum Trost Erich Kästner zitiert: „Alles, was gigantische Ausmaße annimmt, kann imponieren. Auch die Dummheit.“

Burkhard Zscheischler